Reminiszere


Predigttext von Sonntag,
den 21. Februar 2016,
Reminiszere von Superintendent Siegfried Behrend



Von den bösen Weingärtnern
[Markus 12, Verse 1-12]

1 Und er fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. 
2 Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. 
3 Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort.  
4 Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn.  
5 Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. 
6 Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. 
7 Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein!  
8 Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. 
9 Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.  
10 Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.  
11 Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«?  
12 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.







Quellen verwendeter Bilder:
keystone und AFP

Reminiscere  – auf  Deutsch „Gedenke“ – so wird dieser Sonntag im evangelischen Kirchenkalender bezeichnet. Gedenke – das ist die Aufforderung, Vergangenes nicht einfach dem Vergessen preis zu geben. Vor wenigen Tagen haben ja die Bewohner Dresdens der Zerstörung der Stadt am 13. Februar 1945 gedacht. Es gibt aber auch Daten, die für alle Bewohner Deutschlands von bleibender Bedeutung sind. So der  8. Mai, der Tag der Beendigung des 2. Weltkrieges und der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Ein anderer Tag ist der 9. November –  der Tag, an dem 1939 die Synagogen in Deutschland brannten – der 9. November aber auch der Tag, an dem sich 1989 der eiserne Vorhang mit dem Fall der Berliner Mauer öffnete.
Der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz – Birkenau am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee hat die Vereinten Nationen veranlaßt, den 27. Januar als weltweiten  Holocaust Gedenktag einzuführen. Auch in diesem Jahr fand am 27. Januar im Sächsischen Landtag eine Gedenkstunde statt, in der die ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland eine beachtenswerte Rede gehalten hat.
Sie sagte u. a.: 

„Die Auseinandersetzung mit der Schoa überfordert den menschlichen Verstand. Gerade deswegen dürfen wir nicht aufhören, diese  unsere Geschichte aufzuarbeiten. Und zwar nicht nur am 27. Januar – Denn nicht das Vergessen, die Erinnerung schützt uns vor Wiederholung.
Sind wir nicht eben aus diesem Grund gegenwärtig so fassungslos, sprachlos, ratlos?!
Dachte man nicht, nach Auschwitz – würde es nie wieder Krieg, Rassismus, Hass oder Antisemitismus geben?! – Wir haben uns getäuscht.“

Im Blick sowohl auf die erschreckenden Erscheinungen islamistischen Terrors und islamistischer Denkweisen als auch im Blick auf nationalistische Gewaltexzesse und Denkweisen stellt Frau Knobloch fest:

„Nun rächt sich, dass „Wehret den Anfängen“ über Jahre nur eine blutleere Phrase war.“

Das Gedenken darf nicht zur Pflichtübung verkommen. Es muß Anlaß sein, sich mit heutigen Denk- und Verhaltensweisen zu beschäftigen und auseinander zu setzen.

Zu solch einem „Gedenken“ werden  wir an diesem Sonntag aufgerufen. „Gedenke“ ist das Anfangswort von zwei Versen im 25. Psalm. Dort heißt es:

V.6: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

V7: Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen,  gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, Herr um deiner Güte willen.“

In diesen Versen wird Gott drei mal aufgefordert, zu gedenken. Der Beter dieses Psalms ist offenbar erschrocken über eigene Verfehlungen – erschrocken über die Folgen seines Übermutes und seiner Mißachtung der göttlichen Gebote.
„Gedenke, Gott, an deine Barmherzigkeit“ – so betet einer, der erschrocken ist über sich selbst und nicht über das Versagen anderer bzw. das Versagen der Früheren... 
„Gedenke, Gott, an deine Barmherzigkeit“ – so betet einer, der auf eine zweite Chance hofft.
„Gedenke, Gott, an deine Barmherzigkeit“ – dieses Gebet zeugt von Einsicht. Die ist die Voraussetzung dafür, dass sich gangbare Wege aus Irrtümern und Schuldverstrickungen heraus finden lassen. „Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.“ – weiß die Volksweisheit. Dieser erste Schritt zur Besserung muß aber immer wieder im Leben gegangen werden.
 Einsicht kann aber nicht angeordnet werden oder durch den Einsatz von Gewalt erreicht werden. Es bedarf eines oder auch mehrerer Anstöße, um etwas einzusehen.
Solch ein Anstoß soll das Gleichnis „Von den bösen Weingärtnern“ für die Führungsschicht des jüdischen Volkes zur Zeit Jesu sein. Die Hörer des Gleichnisses Jesu sind die „Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten – also die Vertreter und Sprecher mächtiger Familien und Stämme. Von ihnen heißt es: „ sie verstanden, dass er auf sie hin dieses Gleichnis gesagt hatte.“ (V.12)
Was aber hatte Jesus mit dem Gleichnis „Von den bösen Weingärtnern“ den Angehörigen der damaligen Führungs– schicht sagen wollen? Welchen Einsichten sollte sich die politische Klasse öffnen?
Es ist das Verhalten der Pächter gegenüber dem Eigentümer des Weinberges. Sooft sie auch aufgefordert werden, ihren Verpflichtungen nachzukommen, weigern sie sich. Sie lassen nicht mit sich reden und bringen stattdessen die Mahner zum Schweigen. Die Pächter sind uneinsichtig und sind drauf und dran durch  ihre Uneinsichtigkeit alles zu verlieren.
Was aber macht die Pächter so uneinsichtig? Sie fühlen sich überlegen. Aus der Überlegenheit aber erwächst das Unrecht der Stärkeren.
Jesus malt in dem Gleichnis das Unrecht der Stärkeren nicht aus. Was Menschen von Menschen angetan werden kann, „übersteigt den menschlichen Verstand“ – auch wenn heute Bilder von menschlicher Brutalität und Grausamkeit gemacht werden können. Nicht sichtbar gemacht werden können die Gefühle verachteter, erniedrigter, geschlagener, übervorteilter, ohnmächtiger Menschen. Und wie vor Zeiten so ist auch heute die Uneinsichtigkeit der sich überlegen Wähnenden eine wesentliche Ursache für den Unfrieden in den kleinen und großen Welten unseres menschlichen Zusammenlebens. Solange der Unfrieden nicht offen in verbale, ökonomische oder gar gewaltsame Auseinandersetzungen ausbricht, wird dieser verdeckte Unfriede „Krise“ genannt. Seit geraumer Zeit leben wir politisch in Krisenzeiten – oder um es in der Computersprache zu sagen: wir befinden uns im Krisenmodus. Wie konnte es nur dazu kommen??? Wurde zu schnell und zu leicht vergessen, was geschehen war durch die Entfesselung der Gewalt und des Sadismus? Am Ende des Gleichnisses stellt Jesus den politischen Akteuren seines Volkes zwei Fragen. Die 1. Frage lautet:

„Was wird nun der Herr des Weinbergs tun?

Auf diese Frage antworten eigenartiger Weise nicht die durch das Gleichnis Angesprochenen. Eigentlich gibt es ja denn auch nur eine Antwort auf überhebliche, anmaßende, die Verträglichkeit überfordernde Verhaltensweisen. Jesus spricht aus, was eigentlich klar sein dürfte:

 „Der Herr des Weinbergs wird kommen und die Weingärtner umbringen…“ 

Ja – so einen Weingärtner müßte es geben – einen, der aufräumt und den Unverschämten zeigt, was Sache ist. Gott müßte so handeln wie der Weinbergsbesitzer im Gleichnis. Aber Gott greift nicht ein. Und darum schwingen sich Menschen auf anstelle Gottes „aufzuräumen“. So werden aus Menschen Despoten. Gott will aber kein despotischer Herrscher sein. Mußte er aber zulassen, dass in Auschwitz abertausende Juden verbrannt werden konnten und dass im Nahen Osten und anderen Teilen der Welt das wahnsinnige kriegerische Wüten fortgesetzt werden kann? Ist Gott zu helfen? – Oder müßte es nicht doch besser heißen: „Ist uns Menschen noch zu helfen“? 
Jesus stellt eine zweite., eine seltsame Frage:

„Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort (aus Psalm 18,22.23) gelesen:
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen“?

Die Schriftgelehrten, Hohenpriester und Stammesoberhäupter kannten gewiß den 118. Psalm. Er wird auch heute in vielen jüdischen und christlichen Liturgien gebetet und gesungen – so beim jüdischen Pesachfest, beim Laubhüttenfest, beim Chanukkafest und in den christlichen Ostergottesdiensten. In der Abendmahlsliturgie stammt  das „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn..“ ebenso aus dem 118. Psalm wie das Tischgebet „Danket dem Herrn; denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich“.
In diesem Psalmgebet sind die Ängste und Sorgen eines einzelnen Menschen aufgenommen. Ausgesprochen wird aber auch, was unheimliche Empfindungen bei den Menschen auslöst:  das Getöse der sich überlegen Wähnenden, die Atmosphäre der Angriffs – und Gewaltbereitschaft.
Schließlich ist in dem Psalmgebet aber von einem die Rede, der von den Starken nicht aus der Welt geschafft werden kann. Mit dem Hinweis auf Psalm 118 erinnert Jesus daran, dass die politischen Akteure seiner Zeit Gott nicht töten konnten und können, auch wenn sie „den Erben“ – den Sohn Gottes töten. Gott lässt sich von Menschen nicht abschaffen, auch wenn sie seine Boten verspotten und töten. Gott meldet sich zu Wort. Mit Jesus wird Gottes Wort zum Ereignis.  Ihm gegenüber zeigt sich, ob das Gewissen hörfähig – hörbereit ist. Durch Jesus wird es für alle Zeit dabei bleiben, dass wir Menschen nur Menschen sein und bleiben können, wenn das Gewissen in uns nicht stumm geschaltet oder gar abgeschaltet wird. 
Zu jeder Zeit kommt es darauf an, dass uns Menschen bewusst ist, was Recht und was Unrecht ist. Immer auf´s Neue muß dies klar sein. Es kann klar werden durch ein Gedenken, wie es Jesus initiiert hat. Er hat ein Gedächtnismahl, ein Gedenkmal gestiftet. „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ – sagt Jesus bei der Einsetzung des Abendmahles. Die Teilnahme an diesem Mahl verlangt, dass Menschen sich gegenseitig gelten lassen und  sich gegenseitig annehmen als gleich geliebt Kinder Gottes – als Schwestern und Brüder. Und so kann immer wieder klar werden, was Recht und was Unrecht ist.
Unrecht ist die Selbsterhöhung von Menschen und ein selbstgefälliges Reden und Handeln.  „Von oben herab“ kann selbst das barmherzige Handeln weh tun und schwer annehmbar sein. Selbsterhöhung weitet sich aus zum Unrecht der Stärkeren. Das ist irgendwann nicht mehr hinnehmbar – für Menschen!!! Wenn das Maß voll ist, wenn der Bogen überspannt ist, kommt  es zum Widerstand, zum Krieg. Am Ende wird es Sieger und Verlierer geben. Und dann kann der Wahnsinn von vorn beginnen, denn aus Siegern werden wieder neue Überlegene. 
Recht dagegen ist, der Ebenbürtigkeit der Menschen mit Wort und Tat zu entsprechen. Dazu freilich bedarf es eines wachen Gewissens. Dafür ist ein Gedenken notwendig, das nicht zur „blutleeren Phrase“ verkommt – ein Gedenken, bei dem auch nicht das Abendmahl zu einer „blutleeren“ Ritual verkommt. Es bedarf mancherlei Anstöße, auf alle Fälle aber bedarf es des Anstoßes durch Gottes Wort, heute sich um Verträglichkeit zwischen Menschen, Staaten, Religionen und Kulturen zu mühen. Amen.