Predigt
am 24. Dezember


Pfarrer Joachim Zirkler
ist Studienleiter beim Zentrum
des Lutherischen Weltbundes
in Wittenberg und hat in der Christvesper in unserer Kirche
am 24.12.2015, 18 Uhr,
die Predigt gehalten.
Liebe Gemeinde,

das Jahr 2015, das nun zu Ende geht, war ein Jahr zum Fürchten: Terroranschläge in Paris, Bürgerkrieg in Syrien, der „Islamische Staat“, der sein Unwesen im Nahen Osten treibt und als Folge all dessen, Menschen, die ihre Heimat verlassen und hoffen, bei uns in Europa ein neues Zuhause zu finden. In Deutschland eine nicht enden wollende Debatte drüber, ob wir das „schaffen“ können oder nicht.  Und in Dresden eine drohende Spaltung der Bevölkerung, die an jedem Montag neu sichtbar wird.

„Fürchtet euch“! Das ist die Botschaft derer, die schon immer mit Angst und Furcht ihre eigenen Interessen am einfachsten durchsetzen konnten.
„Fürchtet euch!“ – Eure Zukunft ist gefährdet durch Überfremdung. Man verschwört sich gegen euch. Ihr werdet absteigen.

Angst ist eine asoziale Kraft. Sie bewirkt nicht ein Kämpfen um die eigenen Interessen, sondern Hass und Verachtung. Sie ist ein Killervirus der menschlichen Gemeinschaft.

Deshalb ist es gefährlich, wenn mit Angst gespielt und wenn sie benutzt wird! Wir Deutschen wissen aus der Geschichte, dass ein wesentlicher Faktor für die Machtergreifung der Nazi’s eine solche bewusst geschürte Angst war.
Insofern hatte der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt Recht als er angesichts der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Ängste Anfang der 30er Jahre sagte: „Das einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“

„Fürchtet euch nicht!“ – das ist die Botschaft der Engel, die immer schon versuchten, die Interessen Gottes und der Menschen ohne Angst, sondern mit Hoffnung und Freude umzusetzen.

Das Jahr 2015 war nicht nur zum Fürchten, es war auch ein Jahr der Hoffnung und der Freude!
Denn in diesem Jahr

- ist der Hunger in der Welt deutlich zurück gegangen,

- die Lebenserwartung weltweit gestiegen und

- in Deutschland wurden erstmals wieder mehr Kinder geboren!


Es gibt viel große und kleine gute Nachrichten!
Eine Frau erzählte kürzlich: Ich war krank, konnte zwei Jahre nicht arbeiten und danach war ich für die Rente noch zu jung. Was tun mit 60 Jahren? Ich habe durch die Ämter eine so gute Unterstützung, auch finanziell, erfahren, dass ich mich selbständig machen und existieren konnte. Jetzt kann ich von meiner Rente gut leben. Als ich das einer Freundin aus England erzählte, sagte sie: Du kannst so froh sein, in Deutschland zu leben!

Vielleicht, liebe Gemeinde, sind wir anfällig für Zukunftsangst, weil uns die Dankbarkeit verloren gegangen ist?
Dass wir seit 70 Jahren im Frieden leben, seit 25 Jahren wieder vereint sind und ein allgemeiner Wohlstand existiert, ist nicht selbstverständlich! Das sind Tatsachen, die uns eigentlich zu ganz großer Dankbarkeit führen sollten.

„Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie...“

Und den Menschen in Europa wurde klar, dass Angst ein falscher Ratgeber ist und sie grenzten sich nicht weiter voneinander ab, sondern wandten sich einander zu.
Und den Menschen in Deutschland wurde klar, wie gut es ihnen schon lange geht und sie lernten die Dankbarkeit neu schätzen.
Und den Menschen in Dresden wurde klar, dass es in dieser Stadt um mehr geht als jeden Montag für oder gegen die Erhaltung des sogenannten Abendlandes auf die Straße zu gehen.

„Fürchtet euch!“ – das ist die Angstbotschaft derer, die die Furchtlosigkeit am meisten fürchten, weil sie ihnen die Bühne wegnimmt.

„Fürchtet euch!“ – das kann allerdings auch die Angstbotschaft  innerer Stimmen sein, die uns verzagen lassen wollen.

Sicher gab es im Jahr 2015 bei den meisten Menschen auch Probleme im ganz privaten Bereich. Eine schwerwiegende Diagnose, der Verlust von lieben Menschen, Schwierigkeiten in der Beziehung o. a. m. Doch auch hier heißt es: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Fürchten müssen wir nur die Furcht.

Es braucht einen gesunden Optimismus, einen Schuss Lebensfreude, um Krisen als Chancen zu begreifen. Chancen, die dem Leben noch einmal eine ganz neue Richtung geben können. 

Und es braucht immer wieder die Botschaft der Engel „Fürchtet euch nicht!“

Ein italienische Regisseur hat den schönen Satz gesagt: „Wir sind alle Engel mit nur einem Flügel. Um fliegen zu können, müssen wir einander umarmen.“

Wenn wir das ernst nehmen, ist uns vieles möglich! Dann schaffen wir fast alles!

Und die Gesunden umarmten die Kranken und die Fröhlichen umarmten die Traurigen und sie flogen einer Zukunft entgegen, in der sie an jedem Tag das Leben feierten.

Und die Flüchtlinge aus  Syrien, Afghanistan und Eritrea umarmten die Deutschen voller Dankbarkeit und zusammen flogen sie einem neuen Land der Hoffnung entgegen.

Und die Dresdner aus den verschiedenen Lagern umarmten einander zaghaft, vergaßen ihre Ängste und entdeckten die Kraft, die im Miteinander steckt.
Und im neuen Jahr kamen sie zusammen in der Stadt und überlegten, wie sie künftig die Montagabende verbringen. Die Energie von so vielen Menschen sollte Anderen zu gute kommen. Und so teilten sie sich auf und übernahmen Dienste auf den Pflegestationen und in den Altersheimen, bei der Feuerwehr und in Flüchtlingsunterkünften, in den Obdachlosenquartieren und Gefängnissen.
Und der Ruf der Stadt erhielt einen neuen Glanz, der nicht nur mit der Vergangenheit, sondern vor allem mit der Zukunft zu tun hatte.

Welche Nachrichten uns aus der Ferne erreichen, können wir nicht beeinflussen. Aber welche Nachrichten von unserer Stadt und unserem Land in die Welt gehen, liegt an uns allen!

Es liegt an uns, ob die alte Nachricht wieder neu gehört werden kann: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr...“

„Fürchtet euch nicht!“ – das ist die Botschaft, die wir als einflügelige Engel einander zu sagen haben. Und dazu helfe uns der Gott, zu dessen Boten wir damit werden.


Frohe, gesegnete Weihnachten!