Christvesper
am 24. Dezember 2014, 18 Uhr,
mit Pfarrerin Birkner-Kettenacker und Pfarrer Joachim Zirkler, Wittenberg



Pfarrer Joachim Zirkler ist Studienleiter beim Zentrum des Lutherischen Weltbundes in Wittenberg und hielt am Heiligabend eine bemerkenswerte Predigt in unserer Kirche.
Liebe Gemeinde,

es begab sich aber zu der Zeit, da in Dresden ein Gebot ausging, dass jeden Montag die Menschen geschätzt würden. Wie viele für diese und wie viele für jene Ziele auf die Straße gingen. Und diese Schätzung ging mit der Zeit in die Tausende und geschah im 25. Jahr nach dem Fall der Mauer in Berlin.
Und zu Weihnachten ging jedermann in die Kirchen der Stadt, um zu hören, ob die alte Botschaft der Bibel neue Wertschätzung erfährt.

Da machten sich auf auch Flüchtlinge aus dem Morgenland ins Abendland. Und sie kamen nach Deutschland, dem Land, das inzwischen hoch geschätzt wurde in Syrien und dem Irak, in Libyen und anderswo wegen seiner Toleranz und Offenheit.
Und etliche von ihnen kamen nach Dresden, in die sächsische Residenz und sie waren schwanger mit Hoffnung.

Und es waren Menschen, die sich als Hirten ausgaben und denen viel Volk nachlief in derselben Gegend und sie redeten von den Hürden, die nötig wären, damit nicht zu viele aus dem Morgenland in das Abendland strömen. Und so fürchteten sich die Menschen vor den Fremden und die Fremden fürchteten sich vor den Leuten mit den Fahnen und den lauten Parolen.

Doch in einem Teil der Stadt hatten sich Menschen zusammen getan und überlegt, wie sie den Flüchtlingen helfen könnten. Und sie legten Geld zusammen und zahlten eine kleine Wohnung, in der eine Familie aus Syrien unterkam – mitten in ihrem Wohngebiet. Und in dieser Wohnung wurde die Hoffnung geboren. Klein und zart wurde sie in Liebe gewickelt und in die fest gezimmerte Krippe des Gottvertrauens gelegt.

Und der Engel des Herrn trat zu allen Hirten und ihrem Volk und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.
Und ihnen wurde klar, dass sie in einem der reichsten Länder dieser Welt lebten und dort in einer der schönsten Städte.  Und ihnen wurde klar, dass das Geheimnis des Glücks im Teilen liegt. Im Teilen des Reichtums, im Teilen der Schönheit von Stadt und Landschaft, im Teilen der Kulturen und Traditionen – im Teilen des Lebens.

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Ihr im Abendland braucht keine Angst zu haben vor dem Morgenland. Die Fremden werden euch nicht fremd bleiben. Wenn ihr euch zu ihnen aufmacht und ihnen begegnet, werden sie euch bereichern in vielfältiger Weise.
Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute die Hoffnung geboren, mitten in eurer Stadt. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden die Hoffnung in Liebe gewickelt und im Gottvertrauen geborgen in einer kleinen Wohnung nicht weit von Euch.

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Menschen untereinander: Lasst uns nun gehen und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die der Herr uns kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden die fremde Familie, dazu die Hoffnung, umwunden mit Liebe, geborgen im Vertrauen zu Gott und Mensch. Als sie dies aber gesehen hatten, wurden sie erreicht von den leuchtenden Augen der Familie und ihrer Dankbarkeit. Und sie teilten ihre Freude und gaben ihnen Aufmerksamkeit, Zuwendung und Wertschätzung. Und sie spürten, wie gut es tut, füreinander da zu sein und zu teilen.

Und sie breiteten die Hoffnung aus im Lande. Die Hoffnung, die sie tief im Herz verwandelt hatte. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen gesagt wurde: Dass es keine Hürden mehr brauche und die Mauern in den Köpfen fünfundzwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer in Berlin nun endlich auch beseitigt werden müssen und dass man nirgendwo so reich beschenkt würde wie beim Teilen. Und die Einheimischen und die Fremden behielten alle diese Worte und bewegten sie in ihren Herzen.

Und das Volk kehrte um vom Weg der Vorurteile und ging gemeinsam den Weg der Zuwendung und Nächstenliebe. Und sie erkannten, dass sie einander zu wenig kennen – den Nachbarn, mit dem man schon lange nicht geredet hat, den Verwandten, dessen Kommen man am liebsten immer verhindern will, den Politiker, über den  man gern schimpft und den Flüchtling aus fernem Land.

Und so machten sich auf an diesem Abend die Leute vom Elbhang und die Leute von Prohlis, Alteingesessene und Neubürger, Ossis und Wessis, Alte und Junge, neu Verliebte und frisch Geschiedene, Zerstrittene und Versöhnte, Heteros und Homos, Ausländer und Inländer, nahe und ferne Nachbarn. Sie wendeten sich einander zu und besuchten sich an diesem Fest, damit sie sich nicht mehr fremd blieben. Und sie fingen bei ihren Familien und ihren Nachbarn an. Und auf ihren Gesichtern lang der Glanz der neu geborenen Hoffnung.

Sie erkannten, dass es darauf ankommt, einfach anzufangen. Nicht nur zu reden, sondern anzufangen mit Nächstenliebe und mit Zeichen der Hoffnung.
Und sie priesen und lobten Gott für alles, was ihnen an Erkenntnis gegeben war in dieser heiligen Nacht.

Und nach dem Fest kamen sie zusammen in Dresden als SEFÜHA -  Solidarische Europäer
für Hoffnung im Anfangsland. Und die Hoffnung breitete sich aus in jeder Stadt und im Abend- und im Morgenland.

Frohe, gesegnete Weihnachten!